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Langzeitfolgen

In den letzten Tagen – nach fast zehn Monaten Homeoffice – habe ich mich mehrmals mit der Frage beschäftigt: Was sind eigentlich die Langzeitfolgen dieser Arbeitssituation? Gebe ich das Wort «Langzeitfolgen» in Google ein, schlägt das Tool mir mehrere Dinge vor:

  • Langzeitfolgen Corona
  • Langzeitfolgen COVID-19
  • Langzeitfolgen Grippe

Dazu würde ich noch «Langzeitfolgen Impfung» addieren, da dieses Thema in den letzten Wochen und Monaten auch in den Medien ausführlich behandelt wurde.

Aber was ist eigentlich mit den «Langzeitfolgen Homeoffice»?

Für mich stand im Jahr 2020 stets im Vordergrund, dass wir im Homeoffice technisch problemlos arbeiten, weiterhin unsere Kunden tagtäglich zufriedenstellend bedienen können und uns dabei als Team buchstäblich «nicht aus den Augen verlieren».

Dafür wurden uns technische Werkzeuge an die Hand gegeben, und auch in Führungsseminaren gab es hilfreiche Tipps für das virtuelle Miteinander. So weit, so gut.

Bis jetzt, in diesem winterlichen Januar, der neben den kindlichen Freuden im Schnee wenig Spannendes bereithält, tritt die technische Machbarkeit in den Hintergrund. In vielen kleinen Situationen, kurzen Momenten und erzielten Ergebnissen merke ich, dass Homeoffice für mich und unser Team Langzeitfolgen hat, die langsam sichtbar werden.

Lese ich mir diesen letzten Absatz nochmals durch, klingt das erst mal brutal. Unmittelbares Handeln scheint nötig. Aber so wie sich auch Langzeitfolgen über einen längeren Zeitpunkt erst einstellen, so behutsam und langsam muss man sich auch der geschuldeten Lösung nähern. Was sind denn eigentlich diese Dinge, die sich langsam bemerkbar machen?

Als Team von Sprachwissenschaftlern sind wir sehr kommunikativ unterwegs – und nach Jahren der gemeinsamen Arbeit in zwei gegenüberliegenden Schreibtischblöcken funktioniert(e) die Kommunikation anhand von Zeichen, Mimik und kurzen Ausrufen. «Ach, Kunde XY hat mal wieder einen Eilauftrag gesendet.» – «Alles klar, bin dran.», zeigte mir als Chefin schon die Körperhaltung einer meiner KollegInnen. Kontrolle und dezidierte Absprachen waren fast nicht nötig, da alles, was zwischen die Mühlen geraten könnte, schon vor Eintritt in die Zahnräder verarbeitet und besprochen wurde.

Heute schickt Kunde XY mal wieder einen Eilauftrag und ich starre gebannt auf den Bildschirm, ob sich am Status der Anfrage etwas ändert oder die drei Pünktli im Teams-Chat mir verraten, dass die Kollegin oder der Kollege eine Frage an mich hat. Passiert nichts von beidem, fühle ich mich dafür verantwortlich, aktiv zu werden: «Bist du dran?», «Hast du gesehen, dass…?». Die Kollegin oder der Kollege, gerade auf dem Weg in die Homeoffice-Küche, sich einen Kaffee zu machen, kommt zurück und findet schon meine Kontroll-Nachricht in Teams vor. «Traut sie mir denn keine 5 Minuten über den Weg? Ich bin doch dran. Sie weiss doch, dass ich heute Morgen den Auftragseingang betreue.»

Multipliziert man diese Situation mit allen Mitarbeitenden des Teams und 20 Arbeitstagen in zehn Monaten, entstehen unzählige Situationen und Möglichkeiten für Missverständnisse.

Kommen wir zurück auf das eingangs erwähnte «sich nicht aus den Augen verlieren». Sind wir mal ehrlich: Wer nimmt sich mehrmals täglich die Zeit, individuelle Quality time mit allen Teammitgliedern zu verbringen, bei der, analog der Office-Situation, mit Kaffee mal kurz der Ausgang der zweiten «Virgin River»-Staffel auf Netflix besprochen wird? Ich sage es ganz offen: Ich schaffe das nicht.

Was sind also die Langzeitfolgen des Homeoffice und wie treten wir ihnen entgegen? Für mich sind die Folgen ganz klar spürbar. Das, was ein Team bzw. mein Team ausmacht, bleibt zum Teil auf der Strecke, und ich weiss, dass wir nie wieder dahin zurückkönnen, wo wir mal waren. Das ist in gewisser Hinsicht auch gut so.

Aber so wie die Langzeitfolgen von COVID-19 und der dagegen wirkenden Impfung von diversen Forschungsinstituten beobachtet werden, so müssen aus meiner Sicht auch die Methoden und Werkzeuge im Homeoffice weiter verbessert und angepasst werden, damit wir nicht das verlieren, was Arbeit auch ist: ein soziales Miteinander.

Ich versuche bis auf Weiteres: Weniger führt zu weniger und mehr ist eben doch mehr.

Weniger Chats führen zu weniger Missverständnissen, mehr Anrufe führen zwar zu weniger Fokuszeit beim Arbeiten, erhöhen aber die Qualität des Miteinanders.


Was tun Sie, um den Teamspirit aufrechtzuerhalten? Ich freue mich über Ideen und Anregungen, wie gelebte Teamstruktur auch in Homeoffice-Zeiten machbar ist.

Daniela